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Neue Engadiner Bobfahrer dank «Ice Talents»


Dank dem Projekt «Ice Talents» des Saint Moritz Bobsleigh Clubs fahren drei junge einheimische Bobteams wieder in der Schweizer Bobszene mit. Auch hier gilt: «Gring abä u segglä».

Im Engadin erfanden die Engländer das Bobfahren, eine Sportart die damals - vor 115 Jahren - vor allem der Freizeitbeschäftigung diente und lange Zeit als sehr elitär galt. Diese Zeiten sind vorbei. Heute ist es eine Sportart wie viele andere auch. Und doch fehlten die Engadiner in den letzten Jahrzehnten im Weltcup. Trotz der einzigartigen Bahn, die ihnen direkt vor den Füssen liegt. Der Olympia Bob Run St. Moritz-Celerina ist immerhin die einzige Bobbahn der Schweiz und ist zudem die einzige Natureisbahn, auf der Weltcuprennen ausgetragen werden.

Ice Talents
Im Herbst 2009 lancierte der Saint Moritz Bobsleigh Club ein Jugendförderungsprogramm, in dessen Rahmen allen jungen Leuten, die Freude an verschiedenen Eiskanalsportarten haben, die Möglichkeit geboten wird, diese auszuprobieren: die «Ice Talents». Tatsächlich haben sich inzwischen mehrere Jugendliche aus dem Engadin, sei es auf dem Skeleton oder im Bob, für diese Sport entschieden. Unter anderem die Bobfahrer Elias Luminatti, Severino Doebeli und Tim Holinger (mit ihren Bremsern Ivan Tam, Nando Fluor und Simon Widmer) und der Solothurner Samuel Hügin. Die jungen Athleten, alle mit Jahrgang 1993 und '94, fuhren vor etwas über zwei Jahren das erste Mal mit einem Monobob ab dem Juniorenstart. Inzwischen haben sie den Schritt in den Zweierbob gemacht und starten - selbstverständlich - vom ordentlichen Start aus.

Mangelware Anschieber
Was im Monobob selbstredend kein Thema war, ist inzwischen ein Problem. Geeignete Bremser, oder Anschieber wie sie auch genannt werden, zu finden ist im Engadin sehr schwierig. Aus diesem Grund hat der Saint Moritz Bobsleigh Club für den 25. Februar zum ersten Mal junge Leichtathleten aus dem «Unterland» eingeladen, einmal das Bobfahren auszuprobieren. Maruan Giumma, Stefan Gehri, Kevin Gasser, Raphael Meier, Bastian Suter, David Villiger und Naina Kreyss vom Sportverein SATUS Oberentfelden nahmen die Einladung an. Wobei Giumma schon fast ein alter Hase im Bobsport ist. Der Leichtathlet wurde mit Holinger dritter an den Bob-Junioren-Schweizermeisterschaft vom 11. Februar 2012. Andere sprangen zum ersten Mal in einen fahrenden Bob. Zwar hatten sie den Einstieg drei Tage zuvor einmal im Trockenen, auf der Anschubbahn von Martin Galliker in Oberentfelden, trainieren können. Aber die Glätte einer Eisbahn ist nicht zu unterschätzen. Allen Teilnehmenden gefiel der Ausflug in den Wintersport und vielleicht können die jungen Engadiner Bobfahrer künftig auf den einen oder anderen Athleten aus dem Unterland zurückgreifen.

Konzentration, Gespür und Liebe zur Geschwindigkeit
Denn ohne gute Bremser, das heisst ausserordentlich gute Leichtathleten, wird aus den Zielen der Jungpiloten nichts. Alle drei avisieren die Olympischen Spiele 2018 oder 2022 an. Es gelte bis dahin Erfahrungen zu sammeln, im Start schneller zu werden und Gewicht zuzulegen. Alles andere sei lernbar. Dabei mögen sich Luminati, Döbeli, Holinger und Hügin noch gut an ihre erste Fahrt erinnern. «Damit wir nicht allzu schnell unterwegs waren, wurden unsere Kufen mit einem Querschliff versehen», erzählt Döbeli. Angst habe er nicht gehabt und habe die auch heute nicht. «Gesunden Respekt», sei wichtig. Angst würde einen nur verkrampfen und das könne unangenehme Folgen haben. Folgen die einige schon kennen. Holinger hat sich Anfang Saison das Schlüsselbein gebrochen und der Solothurner Jungpilot Samuel Hügin konnte das Gunter Sachs Memorial-Race nicht mitfahren, weil er gerade verletzt pausieren muss. Das hält die Jungs aber nicht davon ab, auch künftig in die Seile zu greifen. «Die Geschwindigkeit und die Herausforderung die Bahn - heil - zu bezwingen, lässt mich nicht los», sagt Luminati. Es sei aber auch das Miteinander im Bob, was ihn und auch die anderen reizt. «Wir verstehen uns wunderbar untereinander, auch wenn wir schlussendlich Rivalen sind». Was sie bis jetzt gelernt hätten? «Fehler augenblicklich auszublenden», das habe noch vor einem Jahr länger gedauert.

Dank an Schule, Lehrmeister und Bobclub
Im Gegensatz zu anderen Ländern, wo Leistungssportler innerhalb der Armee ihrer Leidenschaft nachgehen können, müssen Sportler in der Schweiz die Ausbildung mit ihrer Passion unter einen Hut bringen. Holinger und Doebeli gehen zur Zeit in die Lehre, Luminatti und Hügin besuchen das Gymnasium. Solange ihre schulischen Leistungen zufriedenstellend seien, seien die Arbeitgeber und die Schulen auch einmal bereit ihnen für ein Training oder ein Rennen im Ausland freizugeben, erzählen die jungen Bobfahrer. «Das wissen wir sehr zu schätzen», ergänzen sie. Auch wenn sie einwenig neidisch auf die Jungpiloten anderer Nationen sind, die Bobs der neuesten Generationen zur Verfügung haben und sich nicht um ihre berufliche Bildung kümmern müssen. Aber für den Bobsport sind Luminati, Döbeli, Holinger und Hügin bereit, mehr zu investieren, als andere. «Die Befriedigung am Ziel, nach einer Fahrt auf der Bobbahn, kann mit nichts verglichen werden.»

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